Pauschales Verbot von wild gefangenen Zierfischen in Flandern? – Unerwünschte Begleiterscheinungen sind zu beachten

Stellungnahme von BNA und VDA zur Umfrage des Wildtierverbots in Flandern, eingebracht über die EATA (European Aquarium and Terrarium Association)


Wie schon Anfang August von uns mitgeteilt, hat die Regionalregierung in Flandern (Belgien) eine Umfrage zur Haltung von wild gefangenen Fischen gestartet. Zu dieser Umfrage können noch bis Ende August 2021 Stellungnahmen eingebracht werden. Wir, der Bundesverband für fachgerechten Natur- und Artenschutz e.V. (BNA) und der Verband Deutscher Vereine für Aquarien- und Terrarienkunde e.V. (VDA) haben unser Statement über die European Aquarium and Terrarium Association (EATA) eingereicht.


Wir würden uns wünschen, wenn noch weitere Einrichtungen und Organisationen im Sinne einer sachkundigen Tierhaltung ohne weitreichende Verbote an dieser Umfrage teilnehmen würden.


Unsere Stellungnahme:

Die Forderung nach einem generellen Importverbot für wild gefangene Zierfische mag als ein einfacher Schritt erscheinen, um den Tierschutz zu erhöhen, die Artenvielfalt zu erhalten und das Zoonosenrisiko zu verringern. Aber bei näherer Betrachtung könnte ein generelles Verbot von Naturentnahmen in der Aquaristik zu einer Kaskade negativer Begleiterscheinungen führen, die mit einem solchen Verbot verbunden sind.


Ein nachhaltiger und gut kontrollierter Handel mit wild gefangenen Zierfischen


1. kann verletzliche Ökosysteme und damit Lebensräume für zahlreiche andere Tiergruppen neben Fischen erhalten, z.B. Wirbellose, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere (Adams et al. 2004). Beispiele für solche nichtlinearen Schutzwirkungen von Ökosystemen liefern beispielsweise die Ramsar Site Estrella Fluvial Inírida (EFI) in Kolumbien, Projekte der NGO Shoal (https://shoalconservation.org/) oder die Publikation des WWF „The World’s Forgotten Fishes“ (https://wwfint.awsassets.panda…shes__report_final__1.pdf)


2. entspricht den Bestimmungen von CITES, da es den lokalen Fischergemeinden, beispielsweise im tropischen Amazonas, ein stabiles Einkommen sichert. Ein Verbot des nachhaltigen Handels mit wild gefangenen Zierfischen verringert das oftmals einzige Einkommen vieler Gemeinden und begünstigt nicht nachhaltige Nutzungen wie Landwirtschaft, Holzeinschlag oder Bergbau (Guerrero et al. 2018). Ein Verbot, wie es in Belgien vorgeschlagen wird, könnte daher mehrere Resolutionen von CITES (Res. Conf. 8.3, Rev. CoP13, Res. Conf. 16.6, Rev. CoP 18) oder die Sustainable Development Goals (SDGs) der Europäischen Union beeinträchtigen. Darüber hinaus könnte ein Verbot von CITES-gelisteten Naturentnahmen in Flandern mit der Verordnung (EG) Nr. 865/2006 der Europäischen Union kollidieren.


3. stellt kein erhebliches Zoonoserisiko dar. Eine Prävention potenzieller Zoonoseerkrankungen, die durch die Fischhaltung übertragen werden, kann leicht durch Standardhygienemaßnahmen umgesetzt werden. Darüber hinaus bietet das Europäische Tiergesundheitsgesetz (Verordnung (EU) 2016/429) wirksame Maßnahmen zur Vorbeugung potenzieller Zoonosen.


4. erlaubt Forschungseinrichtungen und öffentlichen Zoos oder Aquarien die Einfuhr von Tieren für Forschungs- und Zuchtprogramme in menschlicher Obhut. In öffentlichen Zoos und Aquarien können Fische die Besucher für die Artenvielfalt unter Wasser sensibilisieren und begeistern.


5. ermöglicht privaten und spezialisierten Hobbyisten, Wissen über die Biodiversität von Fischen und ihren Ökosystemen aus kleinen taxonomischen Gruppen zu erwerben, die zumeist nicht in öffentlichen Aquarien oder Zoos gepflegt werden. Diese Hobbyisten wenden viel Geld und Zeit auf, um Sozialverhalten, Paarungsprozesse sowie Haltungsbedingungen zu studieren. Ihre neu gewonnenen Erkenntnisse publizieren sie in öffentlich zugänglicher Literatur und ermöglichen somit, dass diese Erkenntnisse sowohl in-situ- als auch ex-situ-Artenschutzprojekten verwendet werden können.


Wir fordern daher die flämische Regierung auf, ihre Initiative zum Verbot von Wildfang zu überdenken, indem sie die Vorteile eines nachhaltigen und gut kontrollierten Handels anerkennt.



Verweise:


Adams, WM, Aveling, R., Brockington, D., Dickson, B., Elliott, J., Hutton, J., Roe, D., Vira, B. und Wolmer, W. (2004): Biodiversitätsschutz und die Beseitigung der Armut. Wissenschaft 306 (5699): 1146-1149.


Guerrero, D., Franco-Jaramillo, M. und Rosell, J. (2018): Der Mangel an alternativen Einkommensquellen: Der Fall der Zierfischerei im Flusszusammenfluss Inirida, kolumbianischer Amazonas. VERDIENE 17 (2): 81–103.


Quelle: https://vda-online.de/blog/ent…-unerw%C3%BCnschte-begle/